Mit, statt gegen den eigenen Körper und seine Unverträglichkeiten - Interview mit Marlis Salm
von Jana

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Navileo – Blogger-Interview zum Thema Reizdarmsyndrom und Unverträglichkeiten mit Marlis Salm von Marille’s Cuisine

Marlis bricht mit ihrem Blog ein Tabu: und zwar spricht sie offen über das Thema Leben mit Reizdarmsyndrom. Und das ist auch gut so. Denn mehr als 10 Prozent der Menschen in Deutschland leiden regelmäßig unter Bauchschmerzen und Unwohlsein in Verbindung mit Stuhlgangsunregelmäßigkeiten, wie die Leitlinie des American College of Gastroenterology die Krankheit definiert. Marlis zeigt ihren Lesern, wie sie trotz Einschränkungen in der Lebensmittelauswahl nicht auf Geschmack und Genuss verzichten müssen und wieder Spaß am Essen haben können. Von ihrer Ärzteodyssee und wie das mit ihrem Blog so losgegangen ist, erzählt sie uns heute in unserem Interview.

1. Liebe Marlis, was macht deinen Blog besonders? Erzähle unseren Lesern doch kurz worum es bei deinem Blog geht.

Auf Marille’s Cuisine dreht sich alles um Essen und Leben mit Unverträglichkeiten, Intoleranzen und vor allem mit Reizdarmsyndrom. Und wie man auch mit wenig Auswahl an Zutaten lecker und kreativ Kochen und Spaß am Essen haben kann. Eines meiner Lieblingsgerichte sind zum Beispiel die Kastanien-Pfannkuchen. http://www.marillescuisine.de/glutenfreie-kastanien-pfannkuchen-mit-honig-banane/ Am Wichtigsten ist mir allen Lesern Mut zu machen und zu helfen wieder mehr Lebensqualität zu gewinnen. Indem ich Rezepte, Erfahrungen und Infos teile und zum Beispiel zeige wie sich viele der Beschwerden durch Ernährung sehr gut in den Griff kriegen lassen.

2. Gib uns einen kleinen Einblick in die Geschichte deiner Unverträglichkeit. Wie wurde sie entdeckt, wie ging es dir damit? Wie hast du die Anfangszeit empfunden?

Alles fing in der Zeit vor meinem Studium 2008 an, als ich eines Morgens mit einem komischen Völlegefühl und Luft im Bauch aufgewacht bin. Die Beschwerden kamen mit der Zeit immer öfter und blieben immer länger und ich konnte über die Jahre immer weniger Lebensmittel essen, ohne dass die Symptome auftraten. Das kam schleichend und wurde bis 2014 immer schlimmer. Auslöser des ganzen Übels ist wahrscheinlich eine Antibiotika-Einnahme, die den ganzen Stoffwechsel und somit den Körper aus dem Gleichgewicht gebracht hat. 

Ein Teufelskreis, weil mein geschwächter Stoffwechsel ein paar Krankheiten (wie eine Salmonellen-Infektion) mit sich brachte, die wiederum mit Antibiotika behandelt werden mussten. Es folgten Jahre voller Arztbesuche: Untersuchungen von Allergietest bis Magen- und Darmspielgelungen und durch Ausschlussverfahren letztendlich die Diagnose „Reizdarmsyndrom“. 

Die Odyssee von Arzt zu Arzt ging aber danach weiter, da ich dann auf der Suche nach Hilfe für genau diesen Reizdarm war. Und nicht wahrhaben wollte (und will), dass ich mich einfach damit abfinden soll. Ich war also in der ganzen Zeit vor allem frustriert, verzweifelt, wütend und hab’ mich vor allem von den Ärzten im Stich gelassen gefühlt. Denn niemand konnte helfen oder gab sich nach der Diagnose sonderlich Mühe – immerhin ist ein Reizdarm nicht gesundheitsbedrohlich. 

Und Familie und Freunde können das eben auch nicht nachvollziehen. Warum jemand „gesund“ ist und es ihm trotzdem so schlecht geht. Und ehrlich gesagt, ich hätte das selber nie so verstehen können, wenn ich nie dieses Los gezogen hätte. Ich wette jeder von euch kennt das Gefühl sich mal völlig überfressen zu haben und mit einem aufgeblähten Bauch, Sodbrennen und Völlegefühl auf der Couch zu liegen. Aber bestimmt nur die wenigsten von euch wissen wie es ist, das jeden Tag über viele Jahre zu haben und vor lauter Luft kaum sitzen oder sich bewegen zu können und es hilflos hinnehmen zu müssen. 

Die Zeit war für mich damals ziemlich schwierig, weil ich nicht wusste was ich vertrage und was nicht und gefühlt auf alles reagiert habe. Ich war total überfordert mit mir und mit meiner Ernährung und mein soziales Leben unter einen Hut zu kriegen. Wie „spaßig“ das in einer Beziehung ist, brauche ich wahrscheinlich nicht erzählen. Schon beim Aufwachen ging es mir nicht gut und spätestens nach dem Mittagessen war es so schlimm, dass ich die Minuten runterzählte, bis der Tag vorbei war.

3. Wieso hast du angefangen (über das Thema Unverträglichkeiten) zu bloggen? Gab es einen Auslöser?

Ursprünglich war Marille’s Cuisine ein reiner Back-Blog als ich Mitte 2013 mit dem Bloggen anfing. Damals aß ich einfach noch fast alles was ich wollte und fand mich eben damit ab, dass es mir nicht gut geht. Ich backe, koche, esse und genieße schon immer gerne und bin gleichzeitig kreativ und bloggen hat mich gereizt. Weil ich so alles verbinden kann, was mir Spaß macht. 

Anfang 2014 habe ich dann einen gesundheitlichen „Neustart“ gemacht, weil ich so nicht mehr weitermachen wollte und vor allem nicht konnte – ich hatte die Grenze meines persönlichen Leidensdrucks erreicht; es ging mir körperlich echt schlecht. Und dass, obwohl ich mich bereits seit Jahren mit Ernährung und Reizdarm beschäftigte und schon ein enormes Wissen angehäuft hatte. Aber es fehlte ein ganzheitliches Konzept, ein erster Schritt aus dem Chaos, ein „Durchbruch“, der endlich grundlegende gesundheitliche Verbesserung bringt. Das könnt ihr hier und hier übrigens auch ausführlich nachlesen.

Und da kam die Idee den Blog genau darüber weiterzuschreiben und einen neuen Schwerpunkt zu legen. Für Menschen, die gleiche oder ähnliche Beschwerden und Einschränkungen haben wie ich. Aufzuschreiben und zu veröffentlichen was mir hilft, wie ich damit umgehe und wie man vor allem durch geeignete Ernährung wieder viel mehr Spaß am Leben gewinnt. Mit, statt gegen den eigenen Körper und seine Unverträglichkeiten. 

Und so hab’ ich angefangen, erst mal alles wegzulassen. Und siehe da, es hat funktioniert! Nach und nach hab’ ich alle Lebensmittel getestet die ich vermutlich vertrage und mir ging es schlagartig besser – nicht das Weglassen einzelner Komponenten wie Laktose, Obstsorten, Hefe oder oder.., sondern das Aufbauen von Null war bei mir der Schlüssel zum Erfolg.

Daraus entstehen dann meine Rezepte, die ich zusammen mit meinen Erfahrungen auf dem Blog teile und weitergeben möchte.

4. Wie hat sich dein Leben mit der Unverträglichkeit verändert? (positiv/negativ) Was hast du durch die Unverträglichkeit gelernt?

Klar ich muss auf vieles, sehr vieles, verzichten. Das lässt sich einfach nicht schönreden und natürlich würde ich liebend gerne einfach mal einen gemischten Salat mit viel (rohem) Gemüse, ein Schnitzel mit Pommes oder nur einen Apfel essen – ohne, dass es mir danach furchtbar schlecht geht. Und es geht ja nicht nur um das Essen an sich. Ich kann nicht ohne Konsequenzen unbeschwert Essen gehen, nicht über Nacht wegfahren oder kopflos in den Urlaub. 

Ich kann nicht oder nur sehr schwer mit anderen Personen in einem Raum schlafen und es ist auch im Alltag nicht immer berechenbar, ob und wann nicht doch mal mehr oder weniger massive Beschwerden auftreten. Aber es gibt auch viel Positives: Ich schätze gutes (verträgliches) Essen und meine Gesundheit viel mehr als früher. 

Ich genieße jeden Bissen, statt nebenher irgendwas in mich reinzuschaufeln und nur halb dabei zu sein. Ich kann mich an kleinen Dingen viel mehr freuen, die ich früher als selbstverständlich betrachtet oder gar nicht erst bemerkt habe. Das kann schon das Aufwachen am Morgen sein, wenn es mir einfach „normal“ geht. Und ich habe auch viel Neues kennengelernt. Von neuen Lebensmitteln, die ich sonst vielleicht nie probiert hätte, bis hin zu neuen Bekannten und Freunden. 

Und es ist vor allem wahnsinnig schön, wenn ich sehe, dass ich anderen mit meinem Blog helfen kann. Das sind nicht nur Betroffene, sondern auch Angehörige oder Freunde und auch viele Normalos, die einfach gerne bewusst und gesund essen wollen – mit guten Zutaten und wenig Schnickschnack;-) Mittlerweile ist auch vieles für mich total normal geworden: Im Restaurant Sonderwünsche zu bestellen, im Café eigene Milch mitzubringen wenn es keine gibt oder einfach klipp und klar Nein zu sagen, wenn ich irgendwas nicht machen kann.

Ich bin mir wichtiger geworden, wenn ich etwas nicht möchte, dann tu ich das auch nicht und ich verbiege mich nicht. Auch nicht für meine Familie. Und ich bin sehr dankbar, dass sie mich so akzeptiert und liebhat, wie ich bin. Ich habe außerdem gelernt: Je offener ich darüber spreche, desto offener sind andere auch und zwar immer in positiver Weise!

5. Was war die schönste Situation, die du in Zusammenhang mit deinem Blog bisher erlebt hast? Und hast du jemals mit Kritik kämpfen müssen?

Tatsächlich habe ich noch keinerlei negativen Erfahrungen auf oder wegen meines Blogs machen müssen. Abgesehen von einem giftigen Kommentar, eine Zutat in der Rezeptangabe vergessen zu haben;-) Ganz im Gegenteil wird das was ich auf dem Blog veröffentliche anscheinend sehr gut aufgenommen und das freut mich enorm! Eine bestimmte schöne Situation gibt es gar nicht, aber besonders sind für mich immer positive Kommentare und Feedback darüber, wie ich mit meinem Handicap öffentlich und privat umgehe und was ich für eine starke Person sein muss (da werde ich immer ganz verlegen, danke ihr tollen Menschen da draußen). Und wenn mich Mails von Betroffenen erreichen – von Fragen bis hin zu ganzen Lebensgeschichten und Erfahrungstausch. Das ist in erster Linie das, was mich am meisten berührt und bestätigt. Dadurch und über den Blog sind auch schon tolle neue Bekanntschaften und sogar Freundschaften entstanden.

6. Stell dir vor du begegnest deinem jüngeren Ich auf der Straße. Welchen Ratschlag würdest du dir selbst geben, welchen Tipp hättest du gerne früher gehabt?

Egal welche Art von Unverträglichkeit, Allergie oder sonstige Erkrankung du hast, es geht dir gesundheitlich schlecht: Such’ dir die Hilfe, die du brauchst und ändere nicht erst Jahre später was! Wartet nicht, bis der Leidensdruck über die Jahre so groß ist, dass du nur noch überlebst, statt dein Leben zu genießen. Das können Ärzte, Heilpraktiker, Bücher, Blogs, andere Betroffene oder oder sein. Saug Informationen auf, teste was dir guttut, sei offen für Neues, aber glaub’ nicht alles blind was du hörst und liest. Lass’ dir nicht zu viel Quatsch von augenrollenden Ärzten erzählen und schon gar nicht, dass du nichts an deiner Situation ändern kannst und dich damit abfinden musst! Was für den einen oder für viele gut ist, muss nicht für dich persönlich gut sein. Hört auf deinen Körper und in dich hinein und trag aktiv dazu bei, deine Lebensfreude zu behalten oder wieder zu bekommen. Und leide nicht zu lange vor dich hin, weil es „bequemer“ ist und du keinen Ausweg siehst. Das hätte dir nämlich einige sehr unangenehme und frustrierende Jahre erspart oder wenigstens erleichtert.

Wir danken dir, liebe Marlis, für das nette Interview und wünschen dir weiterhin viel Erfolg mit deinem Blog! Und wenn euch das Interview gefallen hat, schaut gleich mal auf Marille’s Cuisine vorbei!


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